AKTUELL - CHARITÉ 2017: Veränderung der Gehirnaktivität durch tieffrequenten Schall und Infraschall bewiesen!

In einer neuen Studie (April 2017) von Markus Weichenberger und Forschern der Charité (Berlin), der PTB (Braunschweig) und des UKE (Hamburg) wird der MRT-Beweis erbracht, dass tieffrequenter Schall die kortikale und subkortikale Konnektivität nahe der Hörschwelle verändert (mehr Informationen unter Kapitel Gesundheitsgefahren).

Eine einmalige Lärmkonstellation –

die Biogasanlage, der Südwind, der Bauernsee und der Kaltluftsee

Seit der Inbetriebnahme der Biogasanlage im November 2016 klagen einige Bürger über lästige Brummtöne in den Nächten, die vermehrt zu Schlafstörungen führen.

Eine besondere Brisanz bekommt der Fall Dobbrikow durch die Lage des Bauernsees zwischen der Schallquelle und dem Dorf. Die Wasserflächen des Bauernsees begünstigen die Ausbreitung des Schalls ganz erheblich. Es kommt zu starken Reflexionen der Schallwellen an der schallharten Wasseroberfläche. Bei Mitwind entstehen auch Mehrfachreflexionen.

Einen weiteren erheblichen Einfluss auf die Lärmausbreitung haben Wind- und Temperatureffekte. Insbesondere bei Südwind (Mitwind) breitet sich der Schall von der Biogasanlage ungehindert über das Dorf aus. Zur Schallpegelverstärkung kommt es in den Nächten, wenn die kalte Luft am Boden durch einem Deckel aus warmer Luft am Abfließen gehindert wird (Temperaturinversion). Kurz vor Sonnenuntergang bildet sich am Boden die so genannte stabile (nächtliche) Grenzschicht aus. Bedingt durch z.T. kräftige Temperatur- und/oder Windunterschiede in Bodennähe kommt es dort zu Gradienten der Schallgeschwindigkeit mit entsprechender Ablenkung des Schalls. Eine mit der Höhe zunehmende Schallgeschwindigkeit ist mit einer Schallablenkung zum Boden verbunden. Dies erfolgt bei einer Temperaturabnahme zum Boden (stabile Schichtung) und wird in Mitwindrichtung unterstützt.  Die Schallwellen werden an der Grenzschicht zwischen bodenkalter und darüber liegender warmer Luft herabgebrochen, ähnlich wie die Beugung an einer optischen Linse.  Erklärbar ist dieses Phänomen durch das Relief.

Fast vollständig von Hügeln und Höhen umschlossen, erstreckt sich südlich von Dobbrikow die Berkenbrück -Hennickendorfer Talniederung. Die Schmelzwasserabflussbahn der letzten Eiszeit fungiert heute als Kaltluftabflussbahn.   Am Ende des Tales liegt quasi in einer Sackgasse Dobbrikow. Während die übrige Kaltluft dem vorhandenen Gefälle folgend entlang des Pfefferfließtals abließen kann, kommt es in Dobbrikow zum Aufstau der Kaltluft. Hier staut sich die Kaltluft auf, weil sie von den höheren Lagen am abfließen gehindert wird.  Der Kaltluftsee von Dobbrikow ist die Ursache für die häufig auftretende Temperaturinversion in den Nächten.

Der Schalldruckpegel summiert sich, wenn die drei Faktoren Mitwind und / oder Temperaturinversion sowie Reflexion an der Wasseroberfläche zusammenwirken.

Nach einer Beschwerde hat das Landesumweltamt ein Prüfverfahren eingeleitet.

Bisher haben sich 12 Familien gemeldet. Wenn auch Sie betroffen sind, bitte ich Sie, sich bei mir bzw. bei den zuständigen Behörden zu melden.

Holger Jeserigk, Tel.: 50544.

oder:

Ansprechpartner im Landkreis Teltow-Fläming

Am Nuthefließ 2
14943 Luckenwalde
Untere Bauaufsichts- u. Denkmalschutzbehörde
SG Rechtliche Bauaufsicht
Sachgebietsleiter Herr H. Förster-Schüz
(03371) 608-4350
horst.foerster-schuez@teltow-flaeming.de

oder:

Landesamt für Umwelt

Referat T 25 - Überwachung

Am Baruther Tor 12
15806 Zossen OT Wünsdorf 

Postfach 60 10 61 

14410 Potsdam 

Telefon: +49 33702 6099-11
Telefax: +49 33702 6099-44
E-Mail: T25@lfu.brandenburg.de

Zur Physik des tieffrequenten Schalls und seine Wirkung im Wohnraum

Im Freien kaum zu hören, entsteht der Brummton erst im Gebäude, weil die Schallwellen die Wände und Decken derart in Schwingung versetzen, dass im Ergebnis ein Brummton erzeugt wird. Selbst die beste Dämmung ist unwirksam, wenn der betroffene Raum eine akustisch ungünstige Geometrie aufweist. Innerhalb von geschlossenen Räumen können tieffrequente Geräusche durch raumakustische Besonderheiten verstärkt werden. Übliche Aufenthaltsräume von Wohnungen weisen Raumresonanzfrequenzen zwischen 15 Hz (sehr große Räume) und 55 Hz (kleine Räume) auf. Durch die Anregung einer Resonanzfrequenz durch tieffrequente Geräusche kann der Schalldruck einzelner Tonhöhen in einem Raum stark erhöht werden. (Quelle: Leitfaden Umweltbundesamt 2017). Der Leitfaden kann unter folgender Adresse heruntergeladen werden:

http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/tieffrequente-geraeusche-im-wohnumfeld

 

Gesundheitliche Gefahren

Wie bereit oben beschrieben, haben 2017 Forscher der CHARITÉ Hirnaktivitäten durch tieffrequenten Schall und Infraschall nachgewiesen: "Auch da die Reaktion des Gehirns in einem erweiterten Infraschall-Übergangsbereich die Aktivierung von Hirnarealen beinhaltet, von denen bekannt ist, dass sie eine entscheidende Rolle bei der emotionalen und autonomen Kontrolle spielen, kann eine mögliche Verbindung zwischen IS-induzierten Veränderungen der Hirnaktivität und der Enstehung verschiedener physiologischer sowie psychologischer Auswirkungen auf die Gesundheit festgestellt werden. Eine vorübergehende Hochregulierung dieser Hirnareale als Reaktion auf Infraschall oder tieffrequenten Schall nahe der Schwelle zum Infraschall kann somit eine anfängliche Stressreaktion des Körpers widerspiegeln und schließlich die Symptombildung fördern. Da diese Stimulation wiederholt auftritt, kommt so ein zusätzlicher Risikofaktor ins Spiel." (Veröffentlicht am 12. April 2017)

Dr. med. Regina Pankrath klärte im April 2017 auf einem Fachgespräch im Brandenburger Landtag als Mitglied der "Ärzte für Immissionsschutz" über medizinische Aspekte tieffrequenten Lärms und Infraschalls auf. Sie präsentierte zahlreiche neuen medizinischen Erkenntnisse der letzten Jahre. Lautstärken und Frequenzen, die nach früheren Vorstellungen nicht wahrgenommen werden können, lösen im Gehirn nachweislich Gehirnaktivität aus.

Durch physiologische Messungen konnte für wiederholte Schallexposition im Bereich von Sekunden und bei Schallpegeln, die auch gehört wurden, eine Erregung des auditorischen Cortexes nachgewiesen werden, und zwar signifikant im fMRT hinab bis 8 Hz und signifikant im MEG hinab bis 20 Hz (PTB Physikalisch-Technische Bundesanstalt 2015).

Bis hinab zu einer Frequenz von 8 Hertz, für die aufgrund veralteter Vorstellungen bisher keine Grenzwerte existieren. Doch nicht alle Menschen reagieren auf tieffrequenten Schall und Infraschall in der gleichen Weise. Studien zeigen, dass nur etwa 10-30% der Menschen empfindlich reagieren. Teilweise wird der tieffrequente Schall von ihnen als Brummen wahrgenommen oder löst ein Gefühl des Unwohlseins aus. Die Folge sind Schlafstörungen und Dauerstress, was auch zahlreiche Symptome wie Konzentrationsschwäche und Bluthochdruck nach sich zieht.

Dass nicht alle Menschen betroffen sind, sei dabei kein Grund zur Entwarnung: In den betroffenen Gebieten hätten die Problemen dann eine ähnliche Häufigkeit wie die Volkskrankheiten Migräne oder Diabetes. Dr. med. Pankrath warnte auch ausdrücklich vor der Vorstellung, dass Dinge, die man nicht bewusst wahrnehmen kann und nicht jeden sofort betreffen, automatisch harmlos seien. Als mahnendes Beispiel führte sie den früheren Umgang mit Radioaktivität und ultravioletter Strahlung auf. Auch dort dauerte es Jahrzehnte, ehe man die Wirkmechanismen erkannte und die Gefahren ernst nahm. Heute sind dort strenge Grenzwerte eine Selbstverständlichkeit.

Stand der Forschung

Umweltbundesamt (UBA) 2013

Geräuschbelastung durch tieffrequenten Schall

Tieffrequenter Schall liegt unterhalb von 100 Hz.

Die TA Lärm legt insbesondere Mess- und Beurteilungsverfahren für Anlagengeräusche sowie Immissionsrichtwerte fest. Die besondere Charakteristik von tieffrequenten Geräuschimmissionen wird innerhalb des Beurteilungsverfahrens der TA Lärm (Nummer 7.3) durch einen Verweis auf DIN 45680 berücksichtigt.

Trotz einer Einhaltung der Anforderungen dieser Norm kann es im Umfeld von gewerblichen Anlagen mit tieffrequenten Immissionsanteilen zu Beschwerden von Anwohnerinnen und Anwohnern kommen, die sich von derartigen Anlagen belästigt und in ihrer Gesundheit beeinträchtigt fühlen.

In vielen Fällen wird auf das als unzureichend erlebte Schutzniveau Bezug genommen und eine stärkere Begrenzung der Immissionen gefordert.

Die bei Lärm-Belästigungsfragen im üblicherweise hörbaren Frequenzbereich geforderte enge kausale Verbindung von akustischer Wahrnehmbarkeit (Hörschwelle) und Belästigungserleben muss dahin gehend überdacht werden, dass es Personen mit einer niedrigeren Wahrnehmungsschwelle für tiefe Frequenzen gibt; Belästigungen können also bei einigen Menschen früher auftreten, als nach der der DIN 45680 zu Grunde liegenden mittleren Hörkurve zu erwarten wäre. Es gibt also Personen, die tieffrequente Geräusche noch bei Pegeln wahrnehmen können, bei denen andere keine sensorische Wahrnehmung haben. Hinzu kommt, dass tieffrequenter Schall und Vibrationen häufig eng miteinander verbunden sind und die belästigende Wirkung verstärken.  

Insgesamt besteht ein deutlicher Mangel an umweltmedizinisch ausgerichteten Studienergebnissen zu den Themen Infraschall und tieffrequenter Schall. Für Betroffene ist dies hinsichtlich der Bewertung der Belastung durch Dritte oftmals ein Problem. Das Umweltbundesamt hat daher im Jahr 2011 ein Forschungsvorhaben zu dieser wichtigen Thematik vergeben, das sich mit der Geräuschbelastung durch tieffrequenten Schall, insbesondere durch Infraschall beschäftigt („Machbarkeitsstudie zu Wirkungen von Infraschall. Entwicklung von Untersuchungsdesigns für die Ermittlung der Auswirkungen von Infraschall auf den Menschen durch unterschiedliche Quellen“; UFOPLAN 2011; FKZ 3711 54 199).